Aus aktuellem Anlass einmal eine ganz neue Art des literarischen Ergusses meinerseits. Durch meine pädagogische Ausbildung bedingt, komme ich nicht umhin, mir Gedanken über das Thema Schulreform zu machen. Wie ich diese allerdings in ein literarisches Gewand kleide, hat wenig mit konventionellen Methoden zu tun.
Die sterbende Schule – Trauerspiel in 5 Akten
Dramatis Personae
Schule
Lehrer
Schülerin
Pädagoge
Akt 5
Szene 9
Ein Hospital. Schule sitzt am Fenster ihres Krankenzimmers. Sie ist von Kopf bis Fuß mit Mullbinden umwickelt, sodass man ihr Gesicht nicht erkennen kann. Auftritt Lehrer. Er setzt sich auf die Kante des Krankenbettes und betrachtet Schule eine Weile lang schweigend.
Lehrer: Nun sitzt du also da und bläst Trübsal. Ich bin enttäuscht von dir. Schwer enttäuscht. Nach all der Zeit, in der du so verbissen um deine Träume gekämpft hast, willst du jetzt einfach aufgeben? So kenne ich dich gar nicht!
Schule wendet sich vom Fenster ab. Ich soll also vergessen, was war? Einfach weitermachen wie bisher? Lacht. Nein. Nein, das ist unmöglich. Ich habe so lange weitergestrampelt, wie es mir möglich war. Aber nun ist Schluss. Etwas muss sich verändern, oder alles geht zugrunde.
Lehrer: Veränderung, Veränderung! Verdammtes Wundermittel. Die Medien preisen sie wie Schamanen ihre Beschwörungstänze, und sie sind ebenso überzeugt von deren Wirkung. Ich aber kann dir versichern, dass sie vollkommen nutzlos ist. So wie es immer war, ist es gut. Ja, so ist es für alle am Besten.
Schule antwortet nicht.
Lehrer wird energischer. Denkst du eigentlich auch einmal an mich? Was soll denn aus mir werden, wenn du das System einfach umwirfst? Ich werde auf der Straße sitzen, verhungern werde ich, und das alles nur wegen deinem egoistischen Wunsch nach Veränderung! Geht ab. Auftritt Schülerin.
Schülerin: Ich habe dir Blumen mitgebracht. Reicht Schule einen Strauß weiße Lilien mit einer schwarzen Schleife. Ich habe gehört, du sollst im Sterben liegen. Ist das wahr?
Schule: So genau weiß ich das selbst nicht. Die Ärzte sind sich da noch uneins, man doktert viel an mir herum in der Hoffnung, das Ende hinauszuzögern. Wahrscheinlich aber hast du Recht, ja. Sehr lange werde ich nicht mehr leben. Aber du musst nicht traurig sein. Streichelt Schülerin über das Haar. Ich hatte ein sehr langes und erfülltes Leben. Wenn es hier enden sollte, ist das in Ordnung.
Schülerin schüttelt zornig Schules Hand ab. Ich bin nicht traurig! Zwar habe ich dir den Tod nie gewünscht, aber ich bedauere ihn auch nicht. Du warst eine tyrannische Herrscherin, Schule. Mein ganzes Leben habe ich nach dir ausgerichtet! Du hast meine Freunde ausgewählt, meine Zukunft bestimmt, und du hast mir die schlimmsten Momente meines Lebens beschert! Wie oft schon lang ich nachts wach, weil mich Alpträume plagten, und das alles nur deinetwegen! Immer musstest du mich unter Druck setzen, von mir das Höchste abfordern. Warum konntest du mich nicht einfach so hinnehmen, wie ich war? Warum musstest du mich nur nach deinen Vorstellungen zurechtbiegen?
Schule bedrückt: Ich habe es nur gut mit dir gemeint. Alles, was ich wollte, war, dir deinen Platz im Leben zu zeigen.
Schülerin: Mir zu zeigen?! Denkst du etwa, den findet nicht jeder Mensch von ganz alleine?
Schule: Aber wir hatten doch auch viele schöne Momente! Warst du nicht auch oft sehr glücklich mit mir?
Schülerin bitter: Zuckerbrot und Peitsche. So hast du über mich regiert. Aber diese Zeiten sind nun endgültig vorbei, Schule. Ich lasse mich nicht länger von dir bestimmen. Geht ab.
Schule legt sich betroffen auf ihr Krankenbett. Gibt es denn niemanden auf der Welt, der mich liebt? Sind denn alle nur gekommen, um mein Leid noch zu vergrößern? Sie wissen nicht, wie schwer es ist, so viel Verantwortung zu tragen. Dass auch ich nachts wachliege – und weine. Einige Minuten später schläft sie. Auftritt Pädagoge.
Pädagoge: Hat sie nun endlich das Zeitliche gesegnet? Ach nein, sie schläft bloß. Wie ruhig sie daliegt. Als könnte sie kein Wässerchen trüben. Aber mich kannst du nicht hinters Licht führen! Ich habe dich bis ins kleinste Detail erforscht und studiert, ich kenne deine tiefen Abgründe. Wie viel Leid du der Menschheit schon beschert hast durch deine bloße Existenz! Und das, nachdem wir all unsere Hoffnungen in dich gesetzt haben! Gott, wie ich dich verabscheue! Tritt näher an das Krankenbett heran und beugt sich zu Schule herab. Dabei bist du doch mein Kind, mein eigen Fleisch und Blut! Mit meinen eigenen Händen habe ich dich aufgezogen. Und wie dankst du es mir nun? Indem du mir einen Dolch ins Herz rammst, elendige Circe! Alle locktest du in deinen Bann, grässliche Menschenfresserin. Aber die Zeit der Abrechnung ist nahe! Wie ein loderndes Feuer wirst du dich selbst verzehren. Doch Halt! Soll ich das Schicksal der Menschheit wirklich dem Zufall überlassen? Ist es nicht meine Pflicht als ihr Vater und Schöpfer, ihrem schrecklichen Treiben ein Ende zu setzen? Ja, gewiss ist es das! Es muss so sein. Zieht einen Dolch. Tränen steigen ihm in die Augen. Oh, wie habe ich dich einst geliebt! Mein Ein und Alles warst du, und es gab nichts, das ich dir nicht zugetraut hätte! Alles Schlechte solltest du aus der Welt schaffen, die Unmündigkeit für immer aus den Herzen der Menschen vertreiben. Und nun sieh dir an, was aus dir geworden ist! Nein, ich darf nicht schwach werden, ich muss es beenden, jetzt sofort! Denn wenn ich es jetzt nicht tue, dann bringe ich niemals wieder die Kraft dazu auf! Sticht zu.
Schule öffnet die Augen. Vater! Sie stirbt.
Kirchenglocken läuten. Pädagoge wirft voller Abscheu den Dolch von sich und eilt aus dem Krankenzimmer. Der Vorhang fällt. |