Leseprobe aus
»Im Kreis der Flammen – Fänge des Bösen«
© Melanie Vogltanz
Ich fühlte mich beschmutzt. Gestärkt wie niemals zuvor, gewiss, doch auf eine bestimmte Art dreckig, die sich nicht mit Wasser abwaschen würde lassen, und insgeheim fragte ich mich, ob sich jeder Mörder so fühlte wie ich in diesem Augenblick. Zu sagen, Schuldgefühle hätten mich gequält, wäre weit untertrieben gewesen. Das Gefühl, das mich marterte, war so intensiv, dass es körperlich schmerzte, und jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, glaubte ich wieder die entsetzten Gesichter meiner Opfer zu sehen, die ich in meinem wahnsinnigen Blutrausch, in dem ich bereits nach den ersten beiden Toten verfallen war und in dem ich nichts wahrnahm außer mich selbst und meine Beute, mitleidlos einen nach dem anderen ausgelöscht hatte, jedes Mal mit einer Beiläufigkeit, die der Sanders in nichts nachstand. Mir war nicht entgangen, dass Er mir nach und nach stärkere und auch wehrhaftere Magier präsentiert, mich also immer weiter gesteigert und auf diese Weise getestet hatte, doch die Leichtigkeit, mit der ich sie in mich aufgenommen hatte, war nicht gewichen, sondern hatte sich lediglich mit einer hellen Begeisterung vermischt, die ebenso wenig von mir stammte wie der Wille nach Tod und Vernichtung an sich. Wahrscheinlich war ich geistig sehr viel stärker, als ich bislang auch nur geahnt hatte, und auf meine Weise Sander sicher ebenbürtig.
Nur, dass ich das gar nicht sein wollte. Ich wollte mein Erbe nicht, hatte es noch nie gewollt, seit dem ersten Tag an, an dem ich von seiner Existenz erfuhr, und ich hätte alles, wirklich alles dafür gegeben, es wieder abzulegen, und mit ihm das Ungeheuer, das in mir schlummerte und dem ich schutzlos ausgeliefert war. Denn nichts anderes war es, was sich da in meiner Seele eingenistet hatte und von meiner Kraft zehrte wie ein lästiger Parasit, der mich gleichzeitig mit einer Krankheit verseuchte, die mir früher oder später das Leben kosten würde.
Eine Krankheit... Vielleicht war das nicht der richtige Ausdruck. Ich war eine Mutation, eine Missbildung, ein Krüppel. Alles – nur nicht normal.
Ich wusste nicht, wie lange ich dort unten in dem Gewölbe stand, Seite an Seite mit meinem schlimmsten Feind, der mir nach und nach immer mehr Opfer auswählte. Ich sah nur noch die blassen Gesichter der Gefangenen, die mich aus von Furcht erfüllten Augen anstarrten, und in mehr als einem Blick las ich unverhohlenen Hass, der dem gegenüber Sander in nichts nachstand, und bald hatte ich mich mit dem grässlichen Gedanken abgefunden, schon längst zu einem Teil dieses Wahnsinns geworden zu sein, ein weiterer Stein im Fundament des Horrors, der noch dazu eine nicht geringe Anzahl anderer Steine stützte. Mein Gesicht war feucht von Tränen, und ich zitterte am ganzen Leib, doch dieses wunderbare Gefühl der frischen Kraft in mir wollte ganz einfach nicht verschwinden. Nun verstand ich auch, was Sander vor nicht allzu langer Zeit zu mir gesagt hatte. Dass seine Strafe gewiss noch folgen würde. Er tat niemals etwas ohne Hintergedanken, und wie jedes Mal, wenn er jemanden zu züchtigen gedachte, tat er dies nur zu seinem eigenen Nutzen. Ich erhielt meine Strafe, und er zugleich eine gestärkte Dienerin, die ihn im entscheidenden Moment gewiss gute Dienste leisten würde. Ob sie wollte oder nicht.
Die Zahl der abgerissenen Gestalten in dem Käfig schrumpfe immer weiter in sich zusammen, bis schließlich nur noch die Frau mit den fremdländischen Gesichtszügen übrig geblieben war, die mittlerweile das Bewusstsein wiedererlangt und das grausame Geschehen mit einer Mischung aus Abscheu und blankem Entsetzten verfolgt hatte. Sander hatte sie bis zuletzt am Leben gelassen, wahrscheinlich, um auch ihr eine Lehre zu erteilen. Nicht nur ich hatte hilflos mit ansehen müssen, wie ein Gefangener nach dem anderen tot in die Knie sank.
»Worauf wartest du«, stieß die Frau hasserfüllt hervor, klammerte sich mit beiden Händen an das Gitter und zog sich mit zitternden Knien in die Höhe. »Töte mich, wie du sie alle getötet hast. Ich fürchte das Ende nicht, das kannst du mir glauben. Es ist euer Seelenheil, das ihr beide verspielt.«
Ich blickte sie aus tränenverschleierten Augen an, und etwas in meinem Blick musste wohl ihre Aufmerksamkeit erregt haben, denn anstatt weiter wüst auf mich einzuschimpfen, stutzte sie und sah mich mit ehrlicher Verwirrung an. Der Ausdruck in ihrem Gesicht schmerzte mich, ebenso wie ihre harten Worte, obwohl ich sehr genau wusste, dass ich jedes einzelne davon verdient hatte, und ich hoffte, dass sie begriff, dass ich lieber gestorben wäre, als zu tun, was ich getan hatte. Und in derselben Sekunde, in der sich unsere Blicke trafen, wusste ich, dass sie verstand, so gut, wie ein Mensch eine Sache, die so bar jeder menschlichen Logik war, überhaupt verstehen konnte. Doch wirklich trösten konnte mich dieser Gedanke nicht.
Sander funkelte seine einzig verbliebene Gefangene mit ebenso unverhohlenem Hass an wie sie ihn. »Du wirst noch früh genug sterben, Weib, keine Sorge. Aber für dich habe ich mir etwas ganz besonderes aufgehoben. Du solltest dich geehrt fühlen.«
»Du bist wahnsinnig«, murmelte die andere und erinnerte mich damit an ein junges Mädchen, das ich sehr gut kannte und das eben diese Worte vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls ausgesprochen hatte. Ein Mädchen, das ich irgendwann im Laufe der verstreichenden Wochen aus den Augen verloren hatte und nun vermutlich niemals wieder finden würde können. »Einfach nur wahnsinnig.«
»Du hast ja keine Ahnung, wie sehr«, flüsterte ich heiser, bewusst so leise, dass nur die Frau allein die Worte verstehen konnte. Wieder erschien dieser durch und durch verwirrte Ausdruck auf ihrem Gesicht, und dann sah ich etwas in ihrem Blick, das mich noch mehr schmerzte als der Hass und die Wut, die sie gerade noch gegenüber mir empfunden hatte: Es war Mitleid. Ehrliches Mitleid, das ich, weiß Gott, am allerwenigsten verdient hatte. Sie hätte mich schlagen, mir ins Gesicht brüllen, mir voller Abscheu vor die Füße spucken sollen, denn das war es, was mir gebührte. Stattdessen betrachtete sie mich nur mit einer stummen Trauer, unter der ich mich innerlich krümmte wie unter einem Hieb. Ich sollte büßen, für meine Taten, und noch viel mehr für meine Gedanken und Gefühle, für die ich mich selbst noch viel mehr verabscheute als ich Sander jemals verabscheuen konnte. Niemand hatte mich zu bemitleiden, schon gar nicht diese Frau, der ich so viel Leid und Schmerz gebracht hatte.
Herbst 2007
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