Melanie Vogltanz
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Im Kreis der Flammen - Schatten der Dämmerung
Im Kreis der Flammen - Schatten der Dämmerung

 Leseprobe aus
»Im Kreis der Flammen – Schatten der Dämmerung«

© Melanie Vogltanz
 
Ich ging einen langen, schäbig wirkenden Korridor entlang. Es gab keine Fenster, keine Türen, nur nackte Wände, von denen der Putz abblätterte und die sich scheinbar bis in die Unendlichkeit erstreckten. Obwohl es keine erkennbare Lichtquelle gab, war der Gang von einem gräulichen Schimmer erfüllt, der mich meine Umgebung bis ins kleinste Detail erkennen ließ, jeden noch so kleinen Kratzer an den Wänden und das winzigste Loch in dem betagten Holzboden. Es war ein seltsam surrealer Anblick, der mich an die Maßen irritierte, und einen Moment lang hatte ich große Mühe, mich in dieser ungewöhnlichen Umgebung, die ausschließlich aus künstlicher Dämmerung und Verfall zu bestehen schien, zurechtzufinden.
 Wie war ich hier hergekommen? Und wer war ich überhaupt? Was hatte ich hier zu suchen, und wieso konnte ich mich nicht daran erinnern?
 Und dann, die schrecklichste Frage von allen: War ich tot?
 Eine kurze Erinnerung blitzte in meinem Gedächtnis auf, ein Gefühl eisiger Kälte, das meinen ganzen Körper umschloss und meine Haut zu versengen drohte, eine Kälte, die so intensiv war, dass sie brannte wie pures Feuer. Dann ein gleißender, heller Schein, blendend und grell, und dann…
 Nichts mehr.
 Irgendwo hinter mir ertönte ein Geräusch; das Tappen und Scharren schwerer, krallenbewerter Pfoten, die auf morsche Holzdielen trafen. Ein namenloser, eiskalter Schrecken packte mich, doch anstatt mich nach der Geräuschquelle umzusehen oder auch nur meine Schritte zu beschleunigen, ging ich weiter stur geradeaus, den Blick starr nach vorne gerichtet. Ich wusste, was mich erwartete, wenn ich etwas anderes getan hätte, so sicher, dass mir nicht einmal der Gedanke kam, nach dem Warum zu fragen. Das Wesen, das mich verfolgte, würde mir nichts tun, solange ich es nicht anblickte. Es war nicht real, nicht solange ich ihm den Rücken zudrehte und das Wissen um seine Existenz nur in meinem Unterbewusstsein spukte.
 Der Gedanke war kindisch und naiv, aber in meinem Inneren wusste ich, dass er einen wahren Kern beinhaltete. Ich war in Sicherheit. Für den Moment.
 Das Geräusch wurde lauter, erfolgte in immer kürzer werdenden Abständen und kam eindeutig näher. Was für ein Ungeheuer es auch sein mochte, eines war es mit Sicherheit nicht: langsam.
 Ich schloss die Augen und biss mir so fest auf die Unterlippe, dass ich den kupfernen Geschmack von Blut auf der Zunge spürte. Mein Atem beschleunigte sich ohne mein Zutun, und obwohl ich noch lange nicht rannte, trat mir kalter Schweiß auf die Stirn. Die Angst hielt mich umklammert, und ich spürte ihren heißen Atem im Nacken, wie das Hecheln eines Raubtieres, das mir jeden Moment an die Kehle springen konnte.
 Dreh dich nicht um, sagte ich mir, der Hysterie nahe. Dreh dich bloß nicht um! Es tötet dich, wenn du dich umdrehst! 
 Das Kratzen wurde lauter, auf nicht zu beschreibene Art aggressiver, und aus meiner Angst wurde etwas anderes, Schlimmeres, für das die Menschheit noch keine Begriffe gefunden hatte und das die gewöhnlichen Maßstäbe des Schreckens weit überstieg. Ich zitterte am ganzen Leib, und es fiel mir immer schwerer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich musste mich schwer an der rissigen Mauer abstützen, um nicht unversehens zu stürzen und so womöglich doch einen versehentlichen Blick über die Schulter zu werfen. Der Gang schien sich zu winden und zu biegen, der Boden buckelte unter meinen Füßen wie ein störrisches Pferd, das mit aller Kraft versucht, seinen Reiter abzuwerfen.
 Die Schimäre kam näher, Stück für Stück und mit der Unaufhaltsamkeit einer Naturgewalt. Und nichts anderes war sie im Grunde…
 Ich musste meine gesamte Willenskraft aufbieten, um nicht den Kopf zu wenden. Zu dem Schaben und Tappen hatte sich ein tiefes, kehliges Knurren gesellt, bei dem der gesamte Gang zu vibrieren schien Ich spürte, wie eine eisige Hand nach meiner Seele griff und sie für einen grausamen Augenblick lang fest umschlossen hielt. Als sie sich wieder löste, fehlte etwas, das meinen Widerstand bisher aufrecht erhalten hatte, und ich konnte spüren, wie dieser nun nach und nach zerbröckelte, wie eine Sandburg, die von der sanften und scheinbar harmlosen Brandung umspült wurde und mit jeder neuerlichen Welle ein Stückchen weiter in sich zusammensank.
 Warum wehrte ich mich überhaupt gegen die Schimäre? Sie würde mich ohnehin töten, ungeachtet dessen, ob ich sie nun sah oder nicht. War es nicht besser, ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, anstatt mich feige vor der Gefahr zu verkriechen?
 Der Gedanke war unendlich verlockend, viel verlockender, als er hätte sein dürfen. Insgeheim wusste ich, dass nicht ich selbst ihn dachte, sondern das Ungeheuer hinter mir, das mir seinen Willlen aufzuzwingen versuchte. Aber trotz dieses Wissens konnte ich mich nicht dagegen wehren. Ich konnte die Falle deutlich sehen, jeden einzelnen Faden, der gespannt war, um mich zu Fall zu bringen, und doch rannte ich sehenden Auges geradewegs darauf zu. Ein Geist, der nur noch von Angst und Furcht beherrscht wurde, war nur allzu leicht zu verwirren, und dies machte sich das Biest zu Nutze. Es war stärker als ich, schneller und vermutlich auch klüger. Was hatte ich ihm schon entgegenzusetzen?
 Und dann brach mein Widerstand, so plötzlich und unvermittelt, das das Gefühl der Resignation sich wie ein glühender Dolch in meine Brust bohrte. Ich fuhr auf dem Absatz herum, starrte einen Sekundenbruchteil wie gelähmt auf das grauenhafte Bild, das sich mir bot, nicht fähig, irgendetwas zu empfinden, einfach weil das, was ich sah, viel zu grotesk war, um es überhaupt zu realisieren – und stieß einen schrillen, unmenschlich hohen Schrei aus, der von den Wänden des leeren Ganges zu mir zurückgeworfen wurde. Meine schlimmsten Alpträume waren zu einem einzigen, missgestalteten Körper geronnen, um mich zu holen und zu vernichten, eine Gestalt, die kein Filmproduzent aus Hollywood je erdenken würde können, weil sie jegliche Ähnlichkeit mit irdischen Wesen abgelegt und gegen brutale und kranke Proportionen eingetauscht hatte, bei dessen bloßen Anblick ich mich in meiner Menschlichkeit selbst verletzt fühlte, und ich hatte das untrügliche Gefühl, etwas durch und durch Verbotenes zu betrachten, etwas, das einfach nicht hierhergehörte und nur Tod und Vernichtung bringen konnte. Das Biest hatte sehr entfernte Ähnlichkeit mit einem Hund: es besaß vier Beine und einen Kopf, der in einer langen Schnauze endete, sowie zwei spitze Ohren und einen langen, buschigen Schwanz. Auch seine Schulterhöhe entsprach in etwa der eines groß gewachsenen Schäferhundes.
 Und damit endete jede Ähnlichkeit bereits wieder. Die Proportionen wirkten falsch und verdreht, als hätte die Gestalt versucht, die Form eines Hundes anzunehmen, war aber mitten in der Entwicklung eingefroren. Der Schädel des Monsters war zu breit und zu gedrungen und bestand außerdem zum Großteil aus dem mächtigen Kiefer, dessen dolchartigen Zähne, die das Ungeheuer zu einem drohenden Knurren gefletscht hatte, viel zu groß und zu gebogen erschienen, mit dutzenden kleinen Sensen vergleichbar, von denen Geifer in riesigen Mengen troff. So überentwickelt der Kopf der Schimäre war, so grob und unfertig wirkte dagegen der restliche Körper. Ihre Beine waren auf beinahe unmögliche Art und Weise gekrümmt, als hätten sie unter dem massigen Gewicht, dem sie permanent ausgsetzt waren, einfach nachgegeben, und gleichzeitig viel zu kurz. Die übergroßen Tatzen der Bestie, die den Durchmesser meines gesamten Kopfes haben mussten, endeten in jeweils fünf fingerlangen, gebogenen Krallen, die wirkten, als könnten sie nur so zum Spaß Metall zerfetzen. Unter dem tiefschwarzen, struppigen Fell zogen sich mächtige Muskelstränge, die von unvorstellbarer Kraft zeugten. Doch das mit Abstand Schlimmste an diesem Ungeheuer war nicht etwa seine zweifellos gewaltige Körperkraft oder sein auf schreckliche Weise missgestalteter Körper, als wäre es das Ergebnis eines Experimentes, das auf furchtbare Art fehlgeschlagen war.
 Nein, es waren seine Augen, Augen, die ganz einfach nicht zu diesem Körper gehörten. Sie funkelten mich an wie zwei glühende Kohlen, gierig und grausam, und doch hätten sie die Augen eines Menschen sein können. Aus ihnen blickte eine tückische, durch und durch bösartige Intelligenz, die einem Tier (Tier?) in dieser Ausprägung einfach nicht zustand. Es war ein Wissen und eine Weisheit, die mich nicht nur äußerlich erschaudern ließ, sondern die auch an etwas in meiner Seele rührte, die sich unter der Berührung wie unter Schmerzen wand, als würde allein diese Hauch ausreichen, um alles Reine aus meinem Geist zu verätzen.
 Mir blieb nicht mehr genügend Zeit, um das wahre Ausmaß dieses grauenhaften Anblickes nur annähernd zu begreifen, denn beinahe im selben Moment, in dem ich der Bestie mein Gesicht zuwandte, stieß es sich mit einem einzigen, kraftvollen Satz vom Boden ab und warf sich mit einem schrillen, vielfach gebrochenen Heulen, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, auf mich.

Sommer 2007